Mein Essay in der Saosonbroschüre:
Ein Balanceakt in die Zukunft
von Leonie Klein
Am frühen Morgen des 7. August 1974 spaziert Philippe Petit auf einem Drahtseil zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Centers hin und her – ohne jede Sicherung. Noch heute wirkt diese Szene seltsam entrückt: zwei Giganten der Architektur, verbunden durch ein kaum sichtbares Seil, auf dem ein einzelner Mensch seine Balance sucht – als trotze er der Schwerkraft, getragen von Freiheit und der tiefen Überzeugung, es schaffen zu können.
Von Anfang an begleitet mich dieses Bild in meiner Rolle als Artiste d’avenir beim Mozartfest Würzburg 2026: Es ist der Blick in zwei Richtungen zugleich, die Konzentration auf jeden noch so kleinen Schritt, das ständige Ausbalancieren des Unvorhersehbaren – alles in allem ein Wagnis. Risiko? Einkalkuliert. Doch: Wie viel Risiko kann sich die Klassik leisten, ohne sich selbst zu verlieren? Wie viel Zeitgeist verträgt ein Festival, das sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen verpflichtet fühlt?
Wir leben in einer Zeit, in der das Bewahren zur kulturellen Routine geworden ist. Konzertprogramme setzen auf Mozart und Co. als vertraute Größen, deren Klangwelten dem Publikum Bestätigung geben – in seinen Erwartungen, seinem Hörverhalten, seinem kulturellen Selbstverständnis. Wird die Frage nach der Zukunft der Klassik gestellt, fällt die Antwort mit Blick in die Programme vieler Festivals ernüchternd aus: Statt einer verantwortungsbewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition dominieren zunehmend gefälliger Mainstream, Event-Kultur und mediale Inszenierung. Und das Publikum? Es ist dieser Entwicklung ausgesetzt – ob es will oder nicht. Teilhabe am kulturellen Leben bedeutet heute für viele: anpassen statt Haltung zeigen.
Doch: In einer Zeit multipler Krisen, gesellschaftlicher Umbrüche und wachsender Sparzwänge fällt die Entscheidung über die Zukunft der Klassik nicht in der Komfortzone. Wenn wir aufhören zu staunen, zu zweifeln, zu hinterfragen, wird die Klassik zum akustischen Hintergrundrauschen einer Gesellschaft, die zunehmend von Konflikten, Überforderung und Gleichgültigkeit geprägt ist. Tatsächlich entscheidet sich die Zukunft der Klassik dort, wo Unsicherheit zugelassen wird. Ich setze auf eine Zukunft, in der wir der Klassik wieder mehr zutrauen – und uns selbst auch. In der das Erleben eines Konzerts wieder zur aktiven, herausfordernden Aufgabe wird – und trotzdem unterhält. In der Applaus nicht selbstverständlich ist – und auch nicht sein muss.
Es geht mir nicht darum, Bekanntes zu verwerfen. Im Gegenteil. Es geht mir darum, Bekanntes überraschend neu zu erleben, das Erlebte kritisch zu reflektieren und daraus ungewohnte Perspektiven auf aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen zu gewinnen. Nicht jeder neue Klang ist ein Fortschritt, nicht jede Provokation ein Gewinn. Aber eine Kultur, die nicht mehr wagt zu irritieren, verliert ihre Lebendigkeit – und ihre Glaubwürdigkeit. Ich suche nach Formen, in denen Musik nicht abgeschlossen wirkt, sondern den Tanz auf dem Drahtseil wagt – durchlässig für Gegenwart, Gesellschaft, Wandel. Denn die Frage ist nicht nur, wie wir Mozart aufführen, sondern auch, in welcher Welt wir das tun.
Ich wünsche mir ein Mozartfest, bei dem wir die Schönheit nicht einfach beschwören, sondern befragen. Ein Festival, das Mozart nicht als makelloses Idol sieht, sondern als Spiegel betrachtet – fordernd, vielschichtig, menschlich. Meine Arbeit als Artiste d’avenir ist eine Einladung zur Begegnung – mit Mozart, mit den Würzburgerinnen und Würzburgern, mit der Zukunft.
Würzburg soll im Juni 2026 zu einem Ort werden, an dem wir Mozart nicht konservieren, sondern konfrontieren – mit der Welt von heute. Dabei verstehe ich mich nicht als Botschafterin einer vorgefertigten Zukunft, sondern als Suchende im Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Tradition und Experiment. Die interdisziplinäre Vernetzung von Musik, Wort, Installation, Performance, Publikum und Stadt soll Räume eröffnen, in denen die Besucherinnen und Besucher des Mozartfests zu Mitgestaltenden werden. Räume, in denen etwas passiert, das nicht planbar ist.
Philippe Petit spazierte in rund 400 Metern Höhe über ein Drahtseil – mit einer Leichtigkeit, die dieser Situation kaum angemessen schien. Und doch war es genau diese Leichtigkeit, die das Außergewöhnliche möglich machte. Vielleicht brauchen wir genau das mehr denn je: den Moment auf dem Drahtseil, in dem wir riskieren, ins Wanken zu geraten und das Gleichgewicht zu verlieren. Einen Moment voller Unsicherheit, der uns daran erinnert, dass nichts selbstverständlich ist – aber wir in jeder noch so aussichtslosen Situation die Zuversicht in uns tragen, immer wieder ins Gleichgewicht zurückzufinden.

